Leerstelle Transmisogynie
Eine solidarische Kritik an Koschka Linkerhands Artikel "Gegen das Beharren auf Binarität"
In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegt oft die falsche Vorstellung, dass es einen unüberbrückbaren Graben zwischen dem transinklusiven Queerfeminismus und anderen feministischen Strömungen gäbe, welche trans Personen – insbesondere trans Frauen – ausschließen würden. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, als ich kürzlich auf den Artikel “Gegen das Beharren auf Binarität: Warum Materialismus nicht Transfeindlichkeit bedeutet” von Koschka Linkerhand gestoßen. Darin legt Linkerhand dar, dass die Transfeindlichkeit von selbst erklärten Radikalfeminist_innen nicht als materialistische Kritik des Queerfeminismus gerechtfertigt werden kann. Stattdessen ist diese Transfeindlichkeit in einem regressiven, biologischen Geschlechts-Essentialismus begründet, welcher im Widerspruch zu den emanzipatorischen Zielen des Feminismus steht.
Während ich den Text im Großen und Ganzen gut finde und mit dem oben zusammengefassten Argument von Linkerhand übereinstimme, bin ich doch im letzten Abschnitt des Artikels über einige Formulierungen gestolpert. Insbesondere in der folgenden Passage gibt es einige Aussagen bei denen transmisogyne Vorstellungen mitschwingen (S. 16):
Ein Beispiel: Manchmal kommt sich eine cisweibliche Feministin im selben Raum mit schillernden Drag Queens und trans Frauen, die ihre Schönheit zelebrieren und sich politisch artikulieren, wie eine graue Maus vor. Ihr politischer Weg hat sie dahin gebracht, sich von klassischen bzw. stereotypen Attributen von Weiblichkeit wie Make-up, Haarspray und Hochhackige zu befreien. In einem persönlichen Emanzipationsprozess haben sie gelernt, sich selbst und andere Frauen jenseits des male gaze schön, interessant, vielleicht begehrenswert zu finden. Der Weg ist immerwieder mit Alltagsquerelen verbunden: etwa auf Familientreffen Kritik für die burschikose Frisur zu ernten oder von kleinen Kindern gefragt zu werden, ob man ein Junge oder ein Mädchen wäre. Im Raum mit der schillernden trans Frau, die für ihr prachtvolles Make-up und ihre Hochhackigen Bewunderung erfährt und vielleicht obendrein zur Vorsitzenden des Lesbenvereins gewählt wird, stellt sich vielleicht ein Gefühl von Unzulänglichkeit ein: Sind alle diese Kämpfe nichts wert gewesen? Warum erfährt diese andere Frau so viel politische und erotische Aufmerksamkeit? Hier wäre es kein guter Ausweg, der Schillernden ihre Weiblichkeit abzuerkennen, sich selbst als richtige Frau zu setzen und dabei in transfeindliche Ressentiments zu flüchten. Stattdessen wäre es eine feministische Auseinandersetzung wert, in der geklärt werden könnte, warum die Eine schmerzlich gekränkt ist – während es für die Andere mitunter lebenswichtig ist, als Frau mit allen klassischen Attributen durchzugehen, statt als trans aufzufallen. Das Gefühl, zu kurz zu kommen, ohnmächtig zu sein, die Schwierigkeit, für sich selbst einzustehen, sind allesamt übliche Resultate weiblicher Sozialisation, die auch bei Feministinnen noch abrufbar sind. Umgekehrt sollten trans Feministinnen für die Kritik offen sein, dass ein dominantes Auftreten und zu selbstbezogene Forderungen Versatzstücke männlicher Subjektanforderungen sein können, die in einer transweiblichen Sozialisation nicht automatisch ausgeschaltet oder durchreflektiert sein müssen.
Zuallererst will ich sagen, dass ich mit der generellen Aussage dieser Passage kein Problem habe und grundsätzlich den Aussagen, welche Linkerhand hier macht zustimmen kann. Allerdings habe ich gleichzeitig den Eindruck, dass Linkerhand hier sehr stereotype, transmisogyn gefärbte Vorstellungen von trans Weiblichkeit reproduziert. Ein Problem ist meines Erachtens auch die Art und Weise, wie der Begriff weibliche Sozialisation verwendet wird. Inhaltlich ist Linkerhands Aussage meiner Einschätzung nach grundsätzlich in Ordnung, allerdings kann die Formulierung leicht als transfeindliche Dog Whistle (miss-) verstanden werden.
Zwei Abschnitte über der zuvor zitierten Passage, findet sich folgende Passage, welche im Gegensatz zu dieser auch inhaltlich problematisch ist (S. 15f):
Ich habe auch keine Position zum Umgang mit trans Frauen im Leistungssport, wo Unterschiede des Geschlechtskörpers eine große Rolle spielen. Hingegen sehe ich einen diskussionswürdigen Widerspruch zwischen dem Kampf für Transrechte einerseits und andererseits für ein Frau- oder Mädchensein, das von den patriarchalen Anforderungen der weiblichen Geschlechterrolle befreit wäre. Jugendliche, die als Mädchen zugeordnet wurden und darunter leiden, sollten sowohl die Chance haben, offiziell zum Jungen zu transitionieren, als auch die, eine rüpelige, bewegungsfreudige, vielleicht lesbische Frau zu werden. Wie bestimmt man den jeweiligen Wirkungsbereich beider Emanzipationsvorstellungen, ohne die eine gegen die andere auszuspielen? Im Vordergrund sollte das Lebensglück der Jugendlichen und die größtmögliche Freiheit von Geschlechterzwängen stehen – nicht die feministische Selbstversicherung, dass in dieser oder jener Bewegung alles falsch laufe.
Linkerhands Aussage zum Leistungssport zeugt von einer großen Unkenntnis über die biologische Realität der Körper von trans Frauen. Obwohl die Aussage an sich nicht transfeindlich ist, wird durch sie transfeindliche Vorurteile bezüglich trans Frauen im Leistungssport legitimiert. Ebenfalls zeigt sich in diesem Abschnitt noch stärker als im zuvor zitierten Abschnitt, dass Linkerhand ein falsches Verständnis von Transgeschlechtlichkeit hat, welches Transgeschlechtlichkeit auf eine Präferenz für Geschlechterrollen reduziert. Dieses falsche Verständnis führt dazu, dass sie den transfeindlichen Talking point von Mädchen wiedergibt, welche angeblich aufgrund nicht geschlechterrollengerechtem Verhalten zur Transition gedrängt würden.
Mir ist wichtig, dass diese Kritik nicht als Angriff auf Linkerhand oder als Vorwurf von bewusster Transfeindlichkeit aufgefasst wird. Die mangelnde Beschäftigung mit dem Phänomen der Transmisogynie ist ein generelles Problem im Feminismus und nichts was Linkerhand im Besonderen vorwerfen möchte. Tatsächlich mache ich diesen Artikel gerade deshalb zum Ausgangspunkt meiner Kritik, weil ich den Text gut finde und der Meinung bin, dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit Transmisogynie Linkerhands Argumentation zusätzliche Stärke verleihen würde.
Außer den bereits angesprochenen Kritikpunkten kann Linkerhand zudem für ihre Wortwahl (z.B. “transsexuell” statt “transgeschlechtlich”) kritisieren. Oder dafür, dass sie J.K. Rowlings transfeindliche Äußerungen so behandelt, als würden diesen tatsächlich eine genuine feministische Motivation zu Grunde liegen. Diese Punkte finde ich aber nicht besonders interessant und werde deshalb in diesem Text nicht weiter auf sie eingehen.
Wenn ich in diesem Text ausschließlich aus der Perspektive von trans Frauen (bzw. transfemininen Personen) schreibe, für welche medizinische Interventionen eine wichtige Rolle spielen, dann ist das keinesfalls ein Versuch trans Personen auszuschließen auf welche dies nicht zutrifft. Die Geschlechtsidentität von trans Menschen ist valide unabhängig davon, welche transmedizinischen Behandlungen sie in Anspruch nehmen oder in Anspruch genommen haben.
Was ist Transmisogynie?
Bevor ich mich vertieft mit den oben genannten Kritikpunkten befasse, ein kurzer Einschub zum Begriff Transmisogynie: Der Begriff wurde 2007 von Julia Serano in ihrem Buch „Whipping Girl“ geprägt. Transmisogynie macht sichtbar, dass der Hass und die Diskriminierung gegen trans Frauen und transfeminine Personen eine spezifische Form der Misogynie und nicht bloß eine Ausprägung von Transfeindlichkeit ist. Wird Gewalt und Diskriminierung gegen trans Frauen lediglich als Transfeindlichkeit analysiert, bleiben zentrale Aspekte der Gewalt gegen trans Frauen unsichtbar.
Für eine vertiefte Betrachtung dieses Phänomens würde ich insbesondere auf das Werk der indischen trans Lesbe Talia Bhatt verweisen, die dieses Jahr den Essay-Band „Trans/Rad/Fem“ veröffentlicht hat. In ihren Essays analysiert Bhatt Transmisogynie explizit aus einer radikal-feministischen Perspektive und zeigt auf, dass ein Radikalfeminismus, welcher seine eigenen Grundwerte ernst nimmt, trans Frauen zwingend einschließen muss. Bhatt veröffentlicht ihre Essays auch auf Substack, wo sie kostenlos gelesen werden können. Das Thema Transmisogynie wird von ihr insbesondere in den folgenden Essays behandelt:
Understanding Transmisogyny, Part One: Misogyny and Heterosexualism
Understanding Transmisogyny, Part Two: Homophobia and Transphobia
Understanding Transmisogyny, Part Three: Constructing the Transsexual
Obwohl sie noch relativ unbekannt ist, ist Talia Bhatt meines Erachtens aktuell eine der wichtigsten feministischen Theoretiker_innen. Für alle, die sich für feministische Theorie und/oder trans Rechte interessieren, kann ich ihre Essays nicht stark genug empfehlen. Außer zum Thema Transmisogynie hat Bhatt auch äußerst lesenswerte Essays zu Themen wie Heterosexualität als Regime, Lesbophobie oder der Instrumentalisierung von indigenen Geschlechtsidentitäten durch transfeindliche cis Feminist_innen.
Geschlechterrollen, Geschlechtsidentität und Essentialismus
Nach diesem kurzen Einschub kommen wir jetzt zurück zum eigentlichen Thema dieses Texts. Linkerhand impliziert in ihrem Text, dass sich trans Feministinnen generell ein positiveres Verhältnis zu den weiblichen Geschlechterrollen und zum Male Gaze hätten als cis Feministinnen. Dies spiegelt ihr falsches Verständnis von Transgeschlechtlichkeit wider, welches davon ausgeht, dass Transgeschlechtlichkeit in einer Präferenz für Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen begründet wäre. Diese Vorstellung von Transgeschlechtlichkeit stimmen im Grundsatz mit den Ansichten überein, welche Janice Raymond 1979 in ihrer Bibel der Transmisogynie vertrat (“The Transsexual Empire: The Making of the She-Male”). Raymond führte dabei die Bezeichnung “Male-to-constructed-Female transsexualism” ein um mit diesem Begriff zu betonen, dass trans Frauen eben keine authentischen Frauen, sondern stattdessen künstliche Konstrukte seien. Diese würden gemäß Raymond von Männern auf der Basis männlicher Vorstellungen darüber erschaffen, wie eine Frau zu sein hätte. Dieser Gedankengang ist eine der Ursachen, weshalb Raymond in ihrem Buch zu ihrem fatalen Fehlschluss gelangt, dass der Ausschluss von trans Frauen aus dem Feminismus im feministischen Interesse liegen würde. Für eine ausführlichere Kritik von Raymonds Transmisogynie würde ich auf das hervorragende Essay “The Transmisogyny Bible: A Critical Dissection” von Talia Bhatt verweisen.
Wenn ich hier auf die Parallelen zwischen Linkerhands und Raymonds Vorstellungen von Transgeschlechtlichkeit aufmerksam mache, will ich damit keinesfalls Linkerhand den Vorwurf machen, dass sie ähnlich transfeindliche Ansichten wie Raymond vertreten würde. Das ist ganz klar nicht der Fall. Allerdings halte ich den Vergleich zu Raymond für nützlich um zu sehen wohin diese Konzeption von Transgeschlechtlichkeit letztendlich führen würde, würde sie konsequent zu Ende gedacht. Ich möchte an dieser Stelle auch betonen, dass die unterschwellige Transmisogynie, die sich bei Linkerhand beobachten lässt, vollkommen normal ist für Feminist_innen, welche sich nicht vertieft mit Transmisogynie befasst haben. Talia Bhatt kommt in ihrem Essay sogar zum Schluss, dass die im queerfeministischen Aktivismus paradoxerweise häufig sogar ein Verständnis von Transgeschlechtlichkeit vertreten wird, welche im Kern sogar als noch transmisogyner gesehen werden könnte als Ansichten, die Raymond vertritt. Gemäß Bhatt ist der große Unterschied lediglich, dass Raymond offener Hass gegen trans Frauen propagierte während das Dogma des heutigen Mainstream-Feminismus vorgibt, dass trans Frauen grundsätzlich respektiert werden sollen (zumindest solange, wie sie die ihnen zugedachte Rolle spielen ...). Was Bhatt dabei insbesondere kritisiert ist die Vorstellung, dass Transgeschlechtlichkeit nur das gesellschaftliche Geschlecht (gender) nicht aber das biologische Geschlecht (sex) betreffen würde. Das impliziert nämlich die falsche Schlussfolgerung, dass eine trans Frau immer auf essentielle Weise männlich bleiben würde, da ja ihr biologisches Geschlecht unveränderbar männlich wäre. Tatsächlich ist diese Annahme kompletter Unsinn, was eigentlich sofort offensichtlich wird, wenn eins sich auch nur oberflächlich mit den Veränderungen auseinandersetzt, welche im Körper einer trans Frau durch Hormonersatztherapie (HRT) ausgelöst werden.
Die Vorstellung, dass Transgeschlechtlichkeit nur das gesellschaftliche Geschlecht betreffe oder (primär) eine Präferenz für bestimmte Geschlechterrollen sei, hat für trans Frauen (oder trans Personen im Allgemeinen) ganz konkrete negative Folgen: Unter cis Personen ist die falsche Annahme verbreitet, dass das primäre Bedürfnis von trans Frauen die Validierung ihrer Geschlechtsidentität wäre, während transmedizinische Behandlungen von untergeordneter Bedeutung wären. Diese Ansicht stimmt mit der Realität nicht überein und hat zum Beispiel als Konsequenz, dass cis Personen die Konsequenzen, die transfeindliche Politik für trans Frauen haben könnte, komplett falsch einschätzen. Ich habe Angst davor Zugang zu HRT zu verlieren oder Opfer von (trans-) misogyner Gewalt zu werden. Im Vergleich dazu ist es mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob irgendwelche Arschlöcher meine Geschlechtsidentität validieren. Deshalb wirken Kommentare von wohlmeinenden Allies in den USA, die trans Frauen versichern, ihre Geschlechtsidentität sei immer valide – während ihnen gleichzeitig vom Staat die medizinische Versorgung entzogen wird – auf mich einfach nur zynisch!
Für die Dominanz dieser falschen Vorstellung im Mainstream-Feminismus ist insbesondere der starke Fokus im queerfeministischen Aktivismus auf das Konzept der Geschlechtsidentität verantwortlich. Während das queerfeministische Konzept einer Geschlechtsidentität welche unabhängig von der körperlichen Realität existiert ohne Zweifel seine Berechtigung hat, deckt es sich gleichzeitig in keinster Weise damit, wie ich selbst mein Geschlecht wahrnehme. Während ich schon lange wusste, dass ich kein Mann bin, ist das Bewusstsein, dass ich in Wahrheit eine Frau bin, eigentlich erst ab dem Moment wirklich entstanden, als ich durch medizinische Maßnahmen die richtige Hormon-Balance hatte und mein Körper begann weibliche Geschlechtsmerkmale zu entwickeln. Ich bin nicht eine Frau, weil ich eine Frau sein möchte, oder weil ich eine von meinem Körper unabhängige weibliche Geschlechtsidentität hätte, sondern ich bin eine Frau, weil die gesellschaftlichen Prozesse der Vergeschlechtlichung mich zur Frau machen. Ich bin eine Frau der die Gesellschaft einzureden versuchte, sie sei ein Mann, weil ihr Körper anatomische Besonderheiten aufweist und die falschen Hormone produzierte. Die Idee, dass ich eine trans Frau wäre, weil ich im Patriarchat so gerne unterdrückt würde, ist absurd.
Statt unseren Feminismus am Konzept der Geschlechtsidentität auszurichten, sollten wir stattdessen den Kampf gegen die (Trans-) Misogynie ins Zentrum unseres Feminismus rücken!
Künstlichkeit von trans Weiblichkeit
Nachdem ich jetzt etwas vom Thema abgeschweift bin, möchte ich jetzt zum eigentlichen Thema dieses Texts zurückkommen. Neben der Reduktion von Transgeschlechtlichkeit auf eine Präferenz für Geschlechterrollen ist ein weiterer wichtiger Aspekt von unterschwelliger Transmisogynie auch die Annahme, dass die Weiblichkeit von trans Frauen künstlich ist und mit hohem Aufwand aufrecht erhalten werden muss. In diesem Kontext ist insbesondere die implizierte Gleichsetzung von Drag Queens und trans Frauen problematisch. Drag Queens entstammen der schwulen Subkultur und sind überwiegend schwule cis Männer, welche zu Unterhaltungszwecken eine Frauenrolle verkörpern. Selbstverständlich gibt es trans Frauen, die über Drag ihre Transgeschlechtlichkeit entdeckt haben oder denen Drag die Möglichkeit bot (bzw. bietet) ihre Weiblichkeit auszuleben. Im Allgemeinen ist eine Drag Queen aber eine Schauspieler_in, welche zu Unterhaltungszwecken eine Rolle spielt. Eine trans Frau hingegen spielt keine Rolle, sondern ist schlicht eine Frau.
Zu Beginn ihrer Transition benützen trans Frauen teilweise ähnliche Schmink-Techniken wie Drag Queens, um männliche Merkmale im Gesicht zu kaschieren. Durch die feminisierenden Effekte von transmedizinischen Behandlungen gibt es dafür für die meisten trans Frauen, die solche Behandlungen in Anspruch nehmen, aber keine Notwendigkeit mehr. Hinzu kommt, dass trans Frauen zu Beginn ihrer Transition häufig mit Formen des Geschlechtsausdrucks experimentieren, welche für sie zuvor gesellschaftlich nicht erlaubt waren. Eine trans Frau in dieser frühen Phase kann deshalb durchaus so wirken, als würde sie versuchen eine möglichst stereotype Frau darzustellen. Da trans Frauen in dieser frühen Phase viel stärker auffallen, entsteht dadurch schnell ein Zerrbild bezüglich des Verhältnisses von trans Frauen zu den Attributen stereotyper Weiblichkeit. Das Verhalten in dieser Experimentierphase ist es vermutlich auch, was Linkerhand meint, wenn sie schreibt, trans Frauen würden „ihre Schönheit zelebrieren“. Zumindest in meiner Erfahrung haben trans Frauen, welche sich in feministischen Räumen bewegen, nämlich keinen grundsätzlich anderen Bezug zu den Attributen stereotyper Weiblichkeit als ihre cis Genossinnen.
(Trans-) weibliche Sozialisation
Ich finde Linkerhands Ausführungen bezüglich der gesellschaftlichen Sozialisationsprozesse im zweiten Abschnitt ihres Artikels gut. Allerdings erscheint mir die Art und Weise problematisch, wie sie in der eingangs zitierten Passage die Begriffe weibliche Sozialisation und transweibliche Sozialisation verwendet. Auch wenn dies nicht eindeutig aus dem Text hervorgeht, lässt sich die Formulierung so lesen, dass mit weiblicher Sozialisation einzig die cisweibliche Sozialisation gemeint ist. Nach meiner Wahrnehmung entspricht dies einer essentialisierenden Verwendung des Begriffs weibliche Sozialisation, welche von Linkerhand andernorts in ihrem Artikel eigentlich kritisiert wird. Meines Erachtens ist es wichtig, dass transweibliche Sozialisation als Form von weiblicher Sozialisation betrachtet wird und dies im Text deutlich gemacht wird, um transmisogyne Interpretationen zu verhindern.
Linkerhands Anmerkung, dass trans Frauen Verhaltensweisen zeigen können, die damit zusammenhängen, dass sie in ihrer Sozialisation in die männliche Geschlechterrolle gedrängt worden sind, ist zweifelsfrei richtig. Allerdings sollte auch hier bei Formulierung dieses darauf geachtet werden, dass nicht unbewusst transmisogyne Annahmen reproduziert werden und trans Frauen deswegen eine männliche Sozialisation zugesprochen wird.
Nicht zuletzt sollten wir auch vor Augen behalten, dass der Ausschluss von Frauen, weil ihr Verhalten nicht den idealtypischen Erwartungen entsprach, in der Frauenbewegung eine traurige Tradition hat. Als Beispiele wären hier Arbeiterinnen, rassifizierte Frauen oder Lesben zu nennen. Auch bei diesen wurde teilweise argumentiert, dass diese zu unweiblich oder männlich wären. Wenn trans Frauen für Verhalten kritisiert werden, welches sie im Verlauf ihrer (trans-) weiblichen Sozialisation erlernt haben, muss deshalb immer darauf geachtet werden, dass damit nicht implizit trans Frauen ihre Weiblichkeit abgesprochen wird.
Transweibliche Körper und Sport
Den letzten Kritikpunkt, den ich in diesem Text erläutern möchte, betrifft trans Frauen im Sport. Die Aussage von Linkerhand, bezüglich der Rolle des Geschlechtskörpers im (Leistungs-) Sport impliziert fälschlicherweise, trans Frauen hätten auf körperlicher Ebene einen Vorteil gegenüber cis Frauen. Für einen solchen Vorteil existiert nach heutigem Wissensstand jedoch keinerlei Grundlage. Studien zeigen, dass nach ein bis zwei Jahren Hormonersatztherapie trans Frauen keine körperlichen Vorteile gegenüber cis Frauen mehr haben. Diese Erkenntnis wird auch dadurch gestützt, dass trans Frauen seit 2003 in den meisten Sportarten als Frauen antreten durften – bisher ist aber kein einziger internationaler Wettkampf im Leistungssport durch eine trans Frau gewonnen worden. Vor diesem Hintergrund ist deshalb klar: Die Formulierung von Linkerhand reproduziert ein transmisogynes Narrativ!
Dies muss besonders auch deshalb kritisiert werden, weil die Frage nach der Teilnahme von trans Frauen im (Leistungs-) Sport nicht einfach irgendein unbedeutender Nebenschauplatz ist, sondern einer der Hauptangriffspunkte mit welchem im Rahmen des antifeministische Backlash versucht wird, Stimmung gegen trans Frauen zu machen. Wie schon geschrieben, fehlt Forderungen nach einem Ausschluss von trans Frauen aus dem (Leistungs-) Sport jegliche sachliche Grundlage. Der einzige Grund für diese Forderungen ist Transmisogynie!
Schlussfolgerungen
Zum Schluss möchte ich nochmals betonen, dass ich Linkerhands Artikel insgesamt gut finde und ihn euch zur Lektüre empfehle, falls ihr ihn noch nicht gelesen habt. Die Leerstellen bezüglich Transmisogynie sind in diesem Text nicht unbedingt schlimmer als in Texten anderer Feminist_innen. Allerdings ist meine Kritik der darin enthaltenen transmisogynen Leerstellen eine gute Illustration dazu, dass eine Auseinandersetzung mit Transmisogynie für Feminist_innen aller Strömungen dringend nötig ist.
Da Transmisogynie eine der zentralen Angriffspunkte des antifeministischen Backlashes ist, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Transmisogynie eine Grundvoraussetzung, wenn wir die feministischen Errungenschaften wirksam verteidigen wollen! In diesem Zusammenhang muss insbesondere auch die Idee entschieden zurückgewiesen werden, dass sich die materiellen Interessen von trans Frauen strikt von den materiellen Interessen von cis Frauen unterscheiden würden. Beide sind Teil des gleichen feministischen Kampf gegen das Patriarchat, gegen (Trans-) Misogynie und für die körperliche Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper!

