Detransition und transfeindliche Instrumentalisierung
Reaktion auf Chris Brönimanns Rede vom 2. Juni 2026
Detrans Menschen nehmen in rechten Anti-Trans-Kampagnen gegen geschlechtliche Selbstbestimmung eine zentrale Rolle ein. Sie sollen als Kronzeug_innen dienen anhand deren die erfundenen oder stark übertriebenen Vorwürfe gegen die angebliche “Trans-Ideologie” belegt werden sollen. Trotz der großen Aufmerksamkeit die detrans Menschen auf diese Art und Weise von Transfeind_innen bekommen, stehen dabei die tatsächlichen Interessen und Anliegen von detrans Menschen eigentlich nie im Vordergrund. In Wahrheit haben detrans Menschen nämlich sehr ähnliche Bedürfnisse wie trans Menschen: Geschlechtliche Selbstbestimmung und Zugang zu medizinischen Behandlungen. Für eine Beschäftigung mit Thema Detransition jenseits transfeindlicher Instrumentalisierung kann ich zum Beispiel diese Broschüre des Bundesverbands Trans aus Deutschland empfehlen. Sehr zu Empfehlen ist auch der Blog der aus der Ukraine stammenden detrans Lesbe Emma Zakharuk. Wie Zakharuk zum Beispiel in diesem Essay argumentiert sind höhere Hürden für Kinder und Jugendliche, die transitionieren möchten auch überhaupt nicht dazu geeignet um Detransitionen zu verhindern. Stattdessen führe der Widerstand gegen den ein junger Mensch ankämpfen müsse eher dazu, dass sich der Transitionswunsch verfestigt. Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche sich frei entfalten und und den für sie richtige Weg finden können, dann müssen wir sie in diesem Prozess unterstützen und ihnen nicht zusätzliche Steine in den Weg legen. Aus diesem Grund ist es auch so extrem perfide, wenn transfeindliche Akteur_innen behaupten ihnen ginge es darum Kinder und Jugendliche zu schützen. Wie so oft bei reaktionärer Politik ist die Sorge um die Kinder auch hier meist bloß ein Vorwand um damit die anti-emanzipatorischen Forderungen, um die es eigentlich geht, akzeptabler aussehen zu lassen.
Chris Brönimann
In der Schweiz ist das Thema Detransition durch Chris Brönimann in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten. Brönimann war vermutlich die bekannteste trans Frau der Schweiz, nachdem er im Jahr 1998 seine Vulvo- und Vaginoplastik vom Schweizer Fernsehen öffentlich hat dokumentieren lassen. Seine Detransition hat er dabei ähnlich öffentlich inszeniert wie zuvor seine Transition. Zu nennen wären hier einerseits dieses Interview im Zürcher Tagesanzeiger oder das Interview, welches im November 2024 in der Emma erschienen ist. Er ist dabei ein Musterbeispiel dafür wie transfeindlichen Akteur_innen Detransitioner als Token in ihre transfeindlichen Kampagnen einbinden, mit welchen sie Hass gegen trans Menschen verbreiten und das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung bekämpfen. Brönimann ist dabei ein Stück weit auch eine tragische Gestalt. Verfolgt man seine Geschichte ist offensichtlich, dass er sehr unter den starren Vorstellungen von Geschlecht und Transgeschlechtlichkeit gelitten hat, die ihm von der transmisogynen Gesellschaft aufgezwungen worden sind. Leider hat er die omnipräsente Transmisogynie so stark internalisiert, dass er nun fälschlicherweise genau die Menschen für sein Leiden verantwortlich macht, die eigentlich die gleichen Interessen wie er vertreten würden. Statt sich für geschlechtliche Selbstbestimmung einzusetzen hat er sich ausgerechnet mit den Akteur_innen verbündet, die durch genau die Transmisogynie angetrieben werden, unter der er so sehr gelitten hat. Letztendlich ist Brönimann Opfer einer transfeindlichen Radikalisierungs-Pipeline, die in vielerlei Hinsicht dem Prozess gleicht, über den sich eine gewisse englische Kinderbuchautorin zu einer der wichtigsten Transfeind_innen entwickelt hat, die es sich zum Lebensziel gemacht hat, ihr enormes Vermögen dafür einzusetzen um Hass gegen trans Menschen und insbesondere trans Frauen zu schüren.
Brönimann hat sich bereits vor seiner Detransition öffentlich sehr problematisch geäußert. Zum Beispiel hier oder hier in der Emma oder indem er im offiziellen Podcast der Pride Zürich die transfeindliche Ansichten der amerikanischen MAGA trans Frauen Blair White und Caitlyn Jenner verteidigt hat. Wenn Brönimann behauptet er sei aus der trans Community dafür angefeindet worden, weil er es gewagt hätte “Fragen” zu stellen, lässt er dieses Detail wohlgemerkt weg: Brönimann hat nämlich mit Nichten einfach unschuldige “Fragen” gestellt. Allen die sich etwas mit Corona-Schwurbler_innen und Querdenker_innen auseinandergesetzt haben, wird diese scheinheilige Erzählung, dass eine Person dafür ausgeschlossen worden wäre, weil sie es gewagt hätte Fragen zu stellen, sowieso bekannt vorkommen. Schließlich ist diese verlogene Argumentationslinie das wohl beliebteste demagogische Mittel mit dem Verschwörungs-Ideolog_innen versuchen ihr Geschwurbel in den Köpfen der Menschen zu verankern. Das was Brönimann als Anfeindungen im Kontext seiner Detransition beschreibt, dürften in Wahrheit also zu einem großen Teil berechtigte Kritik an seinen tatsächlich hochgradig problematischen Aussagen gewesen sein, die er in der Öffentlichkeit getätigt hat und mit denen er trans Menschen realen Schaden zugefügt hat.
Chris Brönimanns Rede am transfeindlichen Podium vom Bündnis Redefreiheit
Am Dienstag 2. Juni 2026 hat das Bündnis Redefreiheit in Zürich eine transfeindliche Podiumsdiskussion veranstaltet, an der unter anderem auch Chris Brönimann teilgenommen hat. Auf diesem Podium hielt er eine Rede, deren Manuskript er im Anschluss auf Instagram geteilt hat. Diese Rede ist aus mehreren Perspektiven bemerkenswert: Einerseits mutet es skurril an, dass Brönimann trotz seiner negativen Erfahrungen mit dem medizinischen Gatekeeping von Transition weiterhin an seinem Transmedikalismus festhält. Der Transmedikalismus ist eine Ideologie, welche Transgeschlechtlichkeit in erster Linie als eine Krankheit sieht, welche von einer Fachperson diagnostiziert werden muss. Entsprechend sprechen Transmedikalist_innen trans Menschen die Mündigkeit ab selbst über ihr Geschlecht Bescheid zu wissen. Nur schon angesichts des unermesslichen Ausmaßes an Gewalt und Grausamkeit, welches Gatekeeper gegenüber trans Menschen ausgeübt haben und weiterhin ausüben, muss der Transmedikalismus als äußerst problematisch und als (mindestens implizit) transfeindlich betrachtet werden (zu diesem Thema empfehle ich auch dieses Essay von Talia Bhatt). Hinzu kommt, dass Transmedikalismus inhärent mit einem bio-essentialistisch Verständnis von Geschlecht verknüpft ist, wodurch er auch fundamental anti-feministisch ist (für eine vertiefte Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Bio-Essentialismus und Anti-Feminismus empfehle ich zum Beispiel das Kapitel “Antifeminism” in Andrea Dworkins Buch “Right-Wing Women”).

Den zweiten Aspekt den ich hier ansprechen möchte, ist wie wenig Brönimanns Behauptung, dass er das Ziel einer Hetzkampagne sei, mit der Realität zu tun hat. Brönimann behauptet von einem “unsichtbaren Kollektiv” diffamiert zu werden. Kurioserweise stammen alle Zitate, die angeblich von diesem “unsichtbaren Kollektiv” stammen sollen von meinem persönlichen Instragram-Account. Brönimanns Umgang mit meiner Kritik ist zutiefst verlogen und feige. Anders als von ihm behauptet, ist meine Kritik nämlich sachlich begründet und keinesfalls “Diffamierung”. Wer über eine Plattform mit einer derart großen Reichweite verfügt wie er und diese dafür nutzt seine kontroverse Meinung zu teilen, die_der muss auch damit leben, dass sie_er für diese Meinungsäußerungen kritisiert wird. Und wenn sich Chris Brönimann wirklich daran stört dass im Kontext von seinem Aktivismus von Rechtsextremismus die Rede ist, dann sollte er vielleicht einfach damit aufhören auf den von ihm betreuten Instagram-Accounts rechtsextreme Inhalte zu teilen oder in rechten Schwurbel-Podcasts aufzutreten? Aber nicht genug, dass Brönimann sich strickt weigert auf meine Kritik einzugehen und sie stattdessen versucht als Hetzkampagne zu delegitimieren. Nein. Er erdreistet sich, sich gleichzeitig auch noch darüber zu beklagen, dass keine differenzierte Debatte mehr möglich wäre! Als ob nicht er es wäre, der eine solche Debatte mit seinem Verhalten von Anfang an unmöglich macht!
Es ist schlicht eine Tatsache, dass viele Inhalte und Ansichten die Chris Brönimann sowohl in seiner Rede als auch auf Instagram teilt, teil der antifeministischen Anti-Trans-Kampagne sind, deren katastrophale Auswirkungen für trans Menschen wir aktuell in den USA und in Großbritannien live beobachten können. Insbesondere der von ihm betriebene Account @detrans_schweiz ist voll mit transfeindlicher Hetze von teilweise offen rechtsextremen Accounts. Würde Chris Brönimann tatsächlich etwas daran liegen mit trans Menschen, die seine Ansichten nicht teilen, in einen Dialog zu treten, dann müsste er sich als erstes mit dieser Tatsache auseinandersetzen!
Es gibt nicht “die” trans Community
Ein Punkt in Chris Brönimanns Rede dem ich vollständig zustimme, ist dass Detransitioner keine Gegner_innen von trans Menschen sind. Die Erfahrungen von Detransitionern sind wertvoll und ich habe sehr bereichernde Gespräche mit detrans Menschen geführt. Wenn ich ihm eine transfeindliche Haltung attestiere, dann hat das nichts mit seiner Detransition zu tun, sondern ist in den von ihm vertretenen Ansichten und seinem transfeindlichen Aktivismus begründet.
Auch Brönimanns Behauptung, dass trans Menschen oder “die trans Community” Detransitionern generell feindlich begegnen würden, wird von den mir persönlich bekannten detrans Menschen so nicht bestätigt. An dieser Stelle würde ich gerne auf den Blog von Ari Yasmin Lee verweisen, in welchem sie unter anderem auch über die Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrer Detransition berichtet. Sie beschreibt, dass ihre Detransition von der trans Community, in der sie sich bewegt habe, nicht mit Ablehnung oder Feindseligkeit beantwortet worden sei. Es habe Fragen oder manchmal auch Überraschung aber keine Zurückweisung gegeben. Eine andere detrans Person mit der ich mich ausführlich ausgetauscht habe, hat mit mir außerdem den Gedanken geteilt, dass es wichtig sei sich vor Augen zu halten, dass es “die trans Community” als solche nicht geben würde. Wenn detrans Personen berichten, dass sie bei “der Community” auf Ablehnung gestoßen wären oder dass sie von “der Community” zu Transitionsschritten gedrängt worden wären, die sie eigentlich gar nicht wollten, dann würde das aus der subjektiven Sicht dieser Personen häufig sogar stimmen. Es gibt halt definitiv trans Menschen, die ein sehr starres Verständnis davon haben, wie eine Transition auszusehen hat. Je nachdem wie das persönliche Umfeld einer detrans Person zusammensetzt, kann bei dieser Person deshalb schnell ein entsprechender Eindruck über “die Community” entstehen.
Allgemein kann man feststellen, dass Menschen mit einem essentialistischen Verständnis von Transgeschlechtlichkeit häufig große Probleme haben mit der Realität von Detransitionen umzugehen, was sich nicht auf Transmedikalist_innen beschränkt. Auch Personen, die sich explizit als queerfeministisch verstehen, neigen häufig dazu, Erfahrungen auf essentialisierende Weise in “cis” und “trans” einzuteilen. Ein solches starres Verständnis steht fundamental im Widerspruch zur Erfahrung von detrans Menschen, welche sich häufig eben nicht klar in eine dieser beiden Kategorien einteilen lassen. Wie ich bereits in diesem Essay festgestellt habe, untermauert eine starre Binarität zwischen cis und trans am Ende nur die patriarchale Ordnung. Als Feminist_innen müssen wir es deshalb unbedingt gegen essentialistische Vorstellungen von Geschlecht und Transgeschlechtlichkeit ankämpfen!


