Bottom Surgery?
Reflexion über die Terminologie für transfeminine Genitaloperationen
Die Begriffe, die verwendet werden um über chirurgische Eingriffe zu sprechen, welche transfeminine Menschen im Rahmen ihrer Transition an ihren Genitalien vornehmen lassen, sind problematisch und müssen deshalb überdacht werden. Die aktuelle Terminologie transportiert und reproduziert normative, transmedikalistische Annahmen über die Transition von trans Frauen und anderen transfeminisierten Menschen. Im Folgenden werden wir zuerst auf die verschiedenen Begriffe und ihre Problematik eingehen, um uns anschließend auf dieser Basis mit alternativen Begriffen zu befassen. Ich schreibe in diesem Text von trans Frauen, die entsprechenden Aussagen sind jedoch auch auf andere transfeminisierte Menschen übertragbar.
Aktuelle Begriffe
Der chirurgische Eingriff an den Genitalien einer trans Frau, der darauf abzielt, diese den Genitalien einer idealtypischen Frau anzugleichen, wird im Deutschen meist als Geschlechtsangleichende Operation (GaOP), Bottom Surgery oder als Vaginoplastik bezeichnet. Teilweise wird auch der englische Begriff Sex Reassignment Surgery (SRS) benutzt. Ich schreibe hier bewusst von den Genitalien einer idealtypischen Frau und nicht bloß von weiblichen Genitalien, denn die Genitalien einer einzelnen Frau entsprechen nicht notwendigerweise den idealtypischen Vorstellungen, welche wir von den Genitalien einer Frau haben, trotzdem sind die Genitalien einer Frau immer weibliche Genitalien auch wenn diese z.B. aufgrund von Inter- oder Transgeschlechtlichkeit vom Idealtyp abweichen.
Die Begriffe GaOP und SRS sind dabei vor allem aus zwei Gründen problematisch:
Es besteht eine gewisse begriffliche Unklarheit, da diese Begriffe zumindest formal häufig als Überbegriffe definiert sind, die alle chirurgischen Eingriffe, welche die primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale einer trans Frau verändern, umfassen sollen. In der Praxis damit aber meist ausschließlich die Operation gemeint ist, welche die Genitalien einer trans Frau so verändert, dass diese danach das Erscheinungsbild einer Vulva mit Vaginalkanal haben.
Beide Begriffe implizieren, dass der entsprechende chirurgische Eingriff das Geschlecht der trans Frau auf eine essenzielle Weise verändern würde. Dadurch wird ein phalozentrisches Verständnis von Geschlecht transportiert, gemäß welchem das Geschlecht einer Person fundamental davon abhängt, ob die Person einen Penis hat. Hinzu kommt, dass der begriffliche Fokus auf die chirurgische Veränderung (bzw. “Angleichung”) des Geschlechts davon ablenkt, welchen gewaltigen Einfluss Hormonersatzterapie (HRT) auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale hat. Dadurch wird insbesondere bei cis Menschen die transmisogyne Ansicht bestärkt, dass trans Frauen lediglich “Männer” in Kleidern und Perücken wären, die ihr Aussehen mittels plastischer Chirurgie verändern würden. Diese Vorstellung hat selbstverständlich mit der Realität nichts zu tun. Falls sich jemand dafür interessiert, welche Auswirkungen HRT insbesondere auf den Penis einer trans Frau hat, empfehle ich die Lektüre dieses Texts von Sonja Black:
We Need to Talk about Sex, Orgasms, and Feminizing HRT
Der Begriff Vaginoplastik scheint auf den ersten Blick eine bessere Alternative zu den oben besprochenen Begriffen zu sein. Allerdings haben wir es hier mit einer anderen Problematik zu tun. Bei der gemeinhin als Vaginoplastik bezeichneten Operation wird ja nicht nur ein Vaginalkanal geschaffen, sondern auch äußere Genitalien wie die Vulvalippen oder die Klitoris. Die Reduktion der idealtypischen weiblichen Genitalien auf die Vagina wird aus feministischer und gynekologischer Sicht schon lange kritisiert. Es ist wichtig, dass die idealtypischen weiblichen Genitalien korrekt benannt werden, weshalb wir statt von Vaginoplastik von Vulvoplastik mit Vaginalkanal sprechen sollten. Besonders absurd ist der Begriff Zero-depth vaginoplasty der teilweise verwendet wird um eine Vulvoplastie ohne Vaginalkanal zu bezeichnen. Gegen den Begriff Bottom Surgery ist im Gegensatz zu den anderen bisher besprochen Bezeichnungen an sich nichts einzuwenden. Das Problem ist aber halt, dass der Begriff meist nicht als Überbegriff für alle Genital-OPs, sondern einzig für die Vulvoplastik mit Vaginalkanal.
Vorschlag für eine verbesserte Terminologie
Wenn wir über die Gesamtheit von operativen Eingriffen reden wollen, welche trans Frauen im Rahmen ihrer Transition an ihren Genitalien vornehmen lassen, bieten sich der Begriff (transfem-) Genitaloperation oder auch das etwas umgangssprachlichere Bottom Surgery an. Wichtig ist aber, dass dieser Begriff nicht wie heute implizit als Synonym für eine Vulvoplastik mit Vaginalkanal verstanden wird, sondern wirklich als Überbegriff, der alle Arten von chirurgischen Eingriffen an den Genitalien abdeckt. Das heißt insbesondere, dass eine Orchiektomie als gleichwertige Form von Bottom Surgery angesehen werden muss.

Als neuen Oberbegriff für Genitaloperationen, die darauf abzielen, das Erscheinungsbild einer idealtypischen weiblichen Vulva zu erreichen, würde ich den Begriff Vulvo- und/oder Vaginoplastik (VVP) vorschlagen. Grundsätzlich könnte man natürlich hierfür einfach den Begriff Vulvoplastik verwenden, allerdings bestünde dann eine Verwechslungsgefahr, da Vulvoplastik aktuell recht häufig als Synonym für die Vulvoplastik ohne Vaginalkanal verwendet wird. Bezüglich des heute weit verbreiteten Begriffes Vaginoplastik würde ich vorschlagen, diesen generell durch den Begriff Vulvoplastik mit Vaginalkanal zu ersetzen, außer falls der Eingriff tatsächlich nur den Vaginalkanal betrifft.
Post-/prä-/non-OP trans Frau
Die Einteilung von trans Frauen in die Kategorien prä-OP und post-OP ist extrem problematisch, da sie ein normatives, transmedikalistisches Verständnis vom Verlauf einer Transition impliziert, die erst abgeschlossen ist, nachdem sich eine trans Frau einer Vulvoplastik unterzogen hat. Obwohl diese Kategorisierung von vielen trans Frauen rein deskriptiv verwendet wird, transportiert sie trotzem zumindest implizit immer die Annahme, dass eine trans Frau, welche keine Vulvoplastik gemacht hat, bzw. eine solche Operation nicht anstrebt, weniger Frau ist als eine trans Frau mit Vulvo- und Vaginoplastik. Aus diesem Grund sollte eine solche Kategorisierung nur verwendet werden, wenn es um einen bestimmten Eingriff geht und nicht als allgemeine Kategorisierung, die auf alle trans Frauen angewendet wird. Solange diese Kategorien weiterverwendet werden, erscheint es mir sinnvoll, dass zumindest die Kategorie der post-op trans Frau so ausgeweitet wird, dass darunter alle trans Frauen fallen, die sich im Rahmen ihrer Transition einem chirurgischen Genitaleingriff unterzogen haben. Eine trans Frau mit Orchiektomie ist somit keine prä- oder non-op trans Frau sondern post-op. Wenn es in einem bestimmten Kontext tatsächlich relevant sein sollte, ob eine trans Frau eine idealtypische Vulva oder einen Vaginalkanal hat, dann kann man in diesem Fall von trans Frauen mit Vulva oder von trans Frauen mit Vagina sprechen. In allen anderen Fällen ist das aber schlicht irrelevant.


